Elternschaft · Gedanken

Frei lernen

Als endlich der Countdown zu Mitternacht abgezaehlt war, hoffte ich instaendig dies waere nun auch das Ende der droehnend lauten, aber extrem anmachenden Tanzmusik. Leider lag ich falsch – noch eine weitere Stunde lag ich mit zuckenden Beinen auf haertester Zeltunterlage, eingepfercht zwischen drei zu Tode erschoepften Kurzen. Um geschaetzt 11Uhr war es mir gelungen auch noch die Letzte der Dreien nach einem von Muedigkeit und Ueberreizung gepraegten Heulanfall zur Ruhe zu kuscheln. Nun aber gab es kein Entkommen mehr fuer mich: mein Becken knirschte auf der zu trockenem Gips erstarrten, knubbeligen Kuhwiese bei jeder Bemuehung mich etwas bequemer zu legen und Koerper und Kopf wurden gelockt von der echt unwahrscheinlich lauten, guten Musik. Schlaf unmoeglich. Da draussen tanzten noch Einige; Einige derer, die mir schon so gute Freunde geworden waren, obgleich wir uns erst vor ein paar Stunden zum ersten Mal begegnet waren.

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Wir haben den Jahreswechsel auf einem Freilerner Camp verbracht. Und trotz des schmerzenden Rueckens am naechsten Morgen und der Muedigkeit, und trotz Kians vehementen Wunsches jeglicher ‚Massenansammlung‘ fern zu bleiben (ich konnte mich also nur in kleinen Gruppen austauschen), und trotz seines ebenso vehementen Singverbotes, das mich von allem Musischen fern hielt, war es das Beste, was ich seit langem erlebt habe. Als Kian am Neujahrsmorgen seinen Verbote- Katalog auf den essentiell wichtigen Morgenkaffee ausweiten wollte, habe ich rebelliert: DAS ginge zu weit! Ein mitcampender Vater reichte dem freundlichen Off Grid Barrista, der mit Gas, Autobatterie und selbstredend biozertifizierter Milch arbeitete, einen leeren Becher, waehrend ich Kian einen kleinen Monolog zu meinen Beduerfnissen lieferte. Der Kurze sah dann irgendwann auch ein, dass nur eine Kaffee-gestaerkte Mama super Fussball spielen kann, im Fluss schwimmen geht und fuer den Rest des Tages alle gehfaulen Kinder auf ihrem Ruecken balancieren wuerde.

Die Zweifel

Seitdem wir wieder an Land leben, stelle ich wieder alles in Frage. Manchmal wenigstens. Ist unsere Lebensgestaltung wirklich kinderfreundlich, oder sind wir doch eher egoistisch angetrieben? Schadet den Kurzen das hin und her von Land zu Boot zu Land zu Boot? Werde ich als, derzeit mehr oder weniger, Alleinerziehende (Ron ackert unglaubliche Stunden in der Baeckerei) den Beduerfnissen drei so unterschiedlicher Kinder gerecht? Waeren sie nicht doch in Schule und Kindergarten auch ganz gut aufgehoben?

Der Herdentrieb

Kinder wollen tun, was wir tun. Sie wollen sein, wo die anderen sind. Kinder moechten sich anpassen und gefallen. Das gelingt vielleicht nicht immer, weil manche Faehigkeiten noch fehlen und weil ihre Emotionen mit ihnen durchgehen, aber irgendwie sind auch Kinder schon Herdentiere. Und so ganz frei bin ich davon ja auch nicht…

Die Versuchung

Die Versuchung liegt bei uns vor der Tuer: eine kleine, laendliche Grundschule. 11 Kinder in der juengsten Klasse; noch nicht einmal 40 in der gesamten Schule. Es gibt Kaelber, Huehner, einen Obst- und einen Gemuesegarten. Die beiden Lehrerinnen sind seit Jahren gute Freunde und verfolgen eine aeusserst naturverbundene Paedagogik und spielbasiertes Lernen. Und es waere ja auch nur fuer ein paar Monate, bis wir wieder auf Luna sind. Oder???

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Meine Ueberzeugung

So denke ich manchmal und ich hatte schon angefangen mit den Maedchen ueber Schule zu reden. Obgleich ich sie niemals gegen ihren Willen dorthin schicken wuerde. Nun, nach dem Camp, fuehlt sich mein Becher wieder voller an. Ich bin mir wieder sicherer, dass alle drei an der fuer sie besten Adresse sind. Hier, zuhause, bei den Menschen, denen sie am Wichtigsten sind, die sich am meisten Zeit fuer sie nehmen und die den laengsten Geduldsfaden haben. Waehrend des Camps habe ich mich wieder erinnert, dass qualitatives Lernen stattfindet, wenn ein Kind seinen Interessen ueberlassen wird – OHNE einen Belehrenden an seiner Seite. So lautet das Grundrezept fuer effektives lernen; und zwar wirklich nur so, und nicht anders.

Qualitatives lernen findet statt, wo wache, selbstdirigierte Kinder sind – OHNE einen Belehrenden an ihrer Seite.

Es koennte durchaus sein, dass Linas taegliche selbstdirigierte Tanz- und Singstunden vielleicht nicht Teil des Lehrplanes einer Schule sind. Und das Monas praktische und alltagsorientierte Art sich das EinmalEins selbst beizubringen vielleicht ein Ende haette, alsbald man ihr eine Tabelle vor die Nase setzte. Und meine groesste Angst – und die ist um ein Vielfaches groesser als meine Angst, dass die Kurzen nicht genug lernen – koennte in Erfuellung gehen: dass die Kinder ihre unglaublich grosse Neugierde und ihr Zutrauen in ihr eigenes Lernen verlieren.

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Ich wuensche allen ein gutes, neues Jahr. In der Hoffnung, dass wir alle mutig und ehrlich genug sein koennen unseren Herzen zu folgen! Kia kaha!

 

 

 

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