Elternschaft · Gedanken

Messer, Gabel, Schere, Licht – warum Messer unbedingt in Kinderhaende gehoeren

Mein Kuerzester geht in Mark und Bein durchdringendem Geheule auf. Als ich mich zu ihm umwende ist er bereits hochrot angelaufen und Traenen der Wut laufen ueber seine Wangen. Etwas perplex schaue ich fragend in die Runde, als mir die große Schwester schnell eine sie selbst entlastende Erklaerung abgibt: „Die Frau hat Kiki das Messer weggenommen.“

Ich setze mich neben den noch tobenden Kurzen, nehme ihn in den Arm und versuche zu erraten was fuer ihn passiert ist: „Wolltest du das Messer gerne noch behalten?“ Kopf nicken. “ Du wolltest gerne deine Banane damit selber aufschneiden?“ Kopf nicken und ein schluchzendes „Jaaa-haaa! Frau weggenommen!“ Ich :“Du warst noch nicht fertig mit dem Messer und man hat es dir weggenommen. Obwohl du das nicht wolltest. Und darüber bist du jetzt wütend und traurig.“ Langsam kehrt Ruhe in ihn ein und Kian kuschelt sich an mich.

Er ist doch noch viel zu klein….

Ich bin allerdings alles andere als ruhig, reiße mich nur ganz verdammt hart am Riemen um meinen Gefuehlen hier nicht offen Lauf zu lassen. Die Dame, die dieses Trauerspiel veranlasst hat, haelt noch immer besagtes Messer in den Haenden und teilt mir nun schon zum dritten Mal in freundlich grossmütterlichem Ton mit, dass sie Kian das Messer weggenommen habe. Es sei ja schließlich viel zu scharf fuer ihn. Und er sei ja noch viel zu klein. Ich quittiere mit Kopfnicken und einem traurigen Laecheln.

( Kian blickt die doofe Frau so böse an wie er kann- und isst seine Banane nun ungeschnitten. Pah! )

Dass sie es ihm weggenommen hat, hatte ich ja bereits vorher erfahren. Und dass sie diesen, in meinen Augen vollkommen ungueltigen, Grund anbringen wuerde, haette ich auch zu raten vermocht. Schließlich scheint mich diese Situation wie ein Deja-Vu in Endlosschleife zu verfolgen.

Zu klein, zu schwach, zu jung, zu dumm. Nerv!

Warum? Warum??

Warum glauben wir in unserer Gesellschaft, dass kleine Kinder so furchtbar unfähig sind? Wir scheinen sie fuer kleine Volltrottel zu halten; fuer totale Dummbatze, die sich selbst sofort um die Ecke bringen würden, waeren wir nicht ständig an ihrer Seite um das Schlimmste  zu verhindern. Sie wuerden von Baeumen fallen, ins Feuer stuerzen, in der nächsten Pfuetze ertrinken, sich selbst mit Messern und Andere mit langen Stoeckern massakrieren und natürlich wuerden sie den Erfrierungstod oder einen Hitzeschlag erleiden, wuerden nicht wir, die Ober- Schlaumichel, sie 24/7 überwachen um Ihnen einzufiltrieren was gut fuer sie ist, und was nicht. Und was sie können und was eben vorallem noch nicht.

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Uebung macht den Meister

Sollte unsere Rolle nicht die von Tutoren und Mentoren sein?
Wer nicht übt, der wird kein Meister. Ist doch logisch. Jeder junge Indianer ’spielt‘ mit Pfeil und Bogen. Junge Inuit bekommen ihr erstes Messer in die Hand wenn Menschen der westlichen Welt ihr Kind das erste Mal in den Kindergarten schicken. Kian ist zwei Jahre alt und er schnitzt sich seinen Stockbrot Stock selbst. Er bedient auch unseren Aussenborder, er knetet unser Brot und sein Job ist es Lunas Motor auszustellen, wenn der Anker sicher liegt. Er macht das alles ’selbaaa‘, wie er sagen wuerde, und er macht seine Sache gut und höchst verantwortungsvoll. Und ist stolz wie Bolle, weil er naemlich ein ‚Koenner‘ ist.

 

Desto früher desto besser

Ich glaube felsenfest daran, dass jedes Kind, welches ein Interesse hat, darin bestärkt und unterstützt werden sollte. Egal, wie alt es ist. Sinniger Weise mitsamt Beipackzettel und Risiken und Nebenwirkungen- die schwerwiegenderen Gefahren muessen ja nicht unbedingt aus erster Hand erlernt werden.

Kian konnte im zarten Alter von 18 Monaten Streichhoelzer entzuenden. Weil ich es ihm gezeigt habe….ich muss gestehen, ich war sehr ueberrascht, dass er sich diese Faehigkeit so schnell zu eigen machte und wuerde vielleicht empfehlen noch ein Jahr laenger damit zu warten. Eineinhalb jaehrige sind, in unserem Fall hier wenigstens, noch nicht ganz einsichtig genug, um die Gefahren einzuschätzen, bzw. damit verbundene Regeln einzuhalten. Zu Kians Bedauern sind wir deshalb dann auf Sicherheitsfeuerzeuge umgestiegen. Er durfte aber nach wie vor helfen den Kamin zu schichten und anzuzuenden. Gitter vorm Kamin haben wir fuer keines der Kinder je gebraucht.

Verbote schaffen Unvermoegen

Wenn es dann ans Erwachsen werden geht, erwarten wir aber von unseren Kindern dass sie ihre eigenen Entscheidungen treffen. Basierend auf dem was sie selber wollen und was ergo gut fuer sie ist. Woher sollen sie das wissen, wenn doch alles risikoreiche immer verboten war? Die Auswahlmoeglichkeit ist dann klein und sicher. Aber langweilig. Und bestimmt nicht innovativ.

Hueterin

Ich verstehe mich als Hueterin meiner Kurzen. Ich bin ihr Schutzschild und das Bollwerk und ich bin auch diejenige, die ihnen immer wieder erklärt wie wichtig Zaehneputzen ist und dass wir auch Gemuese essen muessen, um gesund zu bleiben. Ich bin nicht immer nur beliebt, aber meistens. Oft erwähne ich auch was ich heute anziehen werde, und warum. Und gerne bin ich ihr Fallnetz, wenn sie an diesem kalten windigen Tag nur im Sommerkleid ausgehen, denn in meinem Rucksack ist dann sicherlich eine warme Jacke und eine Hose fuer sie. Wenn ihnen spaeter kalt wird.
Ich bin da um sie von Dingen abzuschirmen, die ihnen noch zu große Angst machen koennten; oder ich bin da, um die entstandene Angst und den Schrecken abzufedern und ihnen Erklaerungen zu geben. Und ich troeste, troeste, troeste.
Ich versuche sie vor Medien und Gehirnwaesche zu schuetzen, obgleich ich weiß dass dies nur von sehr begrenzter Dauer sein kann. Meine große Hoffnung ist, dass sie, wenn diese Mauer faellt, schon einen so kraeftigen Glauben an sich selbst haben, dass sie nicht mehr drauf hereinfallen muessen.

Ermutigung macht stark

Aber ganz sicher ist es nicht meine Aufgabe zu sagen ‚Das kannst du nicht!‘, denn woher sollte ich denn das überhaupt wissen?
Wenn ich glaube, dass die Kurzen es noch nicht koennen, es aber wollen, dann mache ich es mir zur Aufgabe Ihnen zu helfen es zu lernen.
Ein kleines scharfes Messer in kleinen Haenden, die etwas schneiden und es nicht nur gewaltsam zerquetschen. Selbst wenn einer der fruehen Schnitte in den Finger geht, so heilt er schnell und danach eruebrigt sich der Hinweis, dass das Messer scharf ist.

Dumm sind unsere Kinder naemlich alle nicht.

 

6 Kommentare zu „Messer, Gabel, Schere, Licht – warum Messer unbedingt in Kinderhaende gehoeren

  1. Genau so sollte es sein!
    Unser 1,5 Jahre altes Kind verwendet auch Messer – nicht die allergrößten und schärfsten, aber dennoch. Ebenso, wie unser Kind uns noch bevor es ein Jahr alt war, beim Ofen anzünden geholfen hat…
    Wir werden immer wieder bestaunt, ermahnt, angeredet oder auch missbilligend angeschaut, wenn unser Kind mit Dingen hantiert, für die es „zu klein ist“.
    Neulich meinte eine Frau, als unser Kind nach einem Messer griff:“Nein, das darfst du nicht nehmen, das isr heiß“ ??? Es wird scheinbar alles gesagt, damit Kindee Angst davor haben…
    Und nein, es gab noch keine groben Verletzungen!
    Alles Liebe cao

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    1. Super frustrierend wenn Außenstehende ihre Aengste auf unsere Kinder projezieren, oder? Diese widerspruechlichen Ansagen verwirren die Luetten bestimmt total.
      Find ich toll, wie ihr es handhabt. Das schafft soviel Kompetenz und gutes Selbst-Gefuehl!

      Gefällt 1 Person

  2. Klingt sinnvoll und einleuchtend. Leider lese ich das 30 Jahre zu spät. Aber es ist ja nie zu spät umzudenken und ich hoffe, dass ich – sollte ich jemals Grossmutter werden 😉 – dann nicht gleich dem Herzinfarkt nahe bin, wenn der junge Spross mit einem großen, scharfen Messer vor mir steht!

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