Segeln mit Kindern

Das Schlimmste und das Beste

Wer seinen Globus umkrempelt gewinnt ganz neue Perspektiven. Ist ja logisch. Dass das vielleicht einschneidenste AHA Erlebniss in diesem aktuellen Lebensabschnitt so profan sei, allerdings erstaunt mich sehr…

Das bisher Schlimmste

Die Stuehle und der Esstisch. Voellig unterbewertet, ignoriert und missachtet. Ein schlimmer Fall von neglect. Bei mir zumindest. Wir hatten immmer sehr ansehnliche, meist antike Holzmoebel, die ich wohl geoelt und gewienert habe – einfach, weil mir optisches Wohlgefallen wichtig ist. Dass diese Dinger eine solche Luecke in mein emotionales Wohlbefinden reissen wuerden, sobald von der Bildflaeche verschwunden, raubt mir die Fassung. Mindestens einmal taeglich, spaetestens beim Abendessen.

Die drei Kurzen konnten sich bisher ziemlich guter Tischmanieren ruehmen. Naja, Kian befindet sich da schon seit einiger Zeit in der Uebungsphase… Aber meist sassen alle mehr oder minder gerade am Tisch, auf einem Stuhl, auf dem Po und alles sah nach einer sozialisierten Mahlzeit aus. Das ist vorbei.

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Mit der Trennung von den Stuehlen verabschiedete sich auch die Manier. Auf Luna sitzen wir auf fix installierten Baenken, die sich um den angeschraubten Tisch schlingen. Ganz normales Bootszenario. Fuer uns zwar neu und anders, aber ja nun auch nicht so weit entfernt von dem bisherigen. Dachte ich. Aber nun wird gelegen, sich geraekelt und geluemmelt; die Fuesse sind meist an der Tischkante oder auf ihr, oder auch auf Nachbars Teller. Die Haende erst im Essen, dann auf den Kissen, oder man glitscht einfach mal schnell unter dem Tisch hindurch auf den Boden „um noch mal kurz was zu holen“ und dann wird eben dort unten oder an anderem Ort weitergegessen. Es wird geklettert, gekabbelt und geschubst, gebroeselt, geschmiert und geschmissen. Der ganz Kurze pfeffert alles, was nicht hochkoestlich ist mit Karamba um sich, mal mit Ziel und Treffer, mal ohne. Ich schwanke zwischen: „Ach, sie werden sich die Tischmanieren schon wieder abgucken – irgendwann, dann, wenn sie sie mal brauchen“ und „Verdammte Axt, So sitzen wir nicht am Tisch!! Setz dich gerade hin, sprich nicht mit vollem Mund, nimm Messer und Gabel und schmiere die Finger nicht im Kissen ab!! Fuesse bitte UNTER den Tisch und ihr braucht eure Essen ja nicht aufessen, aber hoert auf die Reste mit eurem Trinkwasser zu Matschepampe zu vermischen. Potz Blitz! Ich ess gleich auf Deck weil ich mir die Sauerei hier nicht mehr angucken mag!!!“ 

Was, oh was, lieber Gott, dachte ich mir dabei als ich mich von gepflegtem Esstisch und Stuehlen trennte? Ich wusste, dass es schlimm werden wuerde ohne Geschirrspuelmaschine, aber auf diesen Tischmanieren Horror hatte mich nichts vorbereitet. Und auf meine uncoole Art damit umzugehen leider auch nicht…

Das bisher Beste

Zum Glueck gibt es Ausgleich. und wenn ich es einfach garnicht mehr aushalten kann, was die Kurzen so fabrizieren, dann gehe ich vier Stufen hoch – an Deck – und bin am Meer. Auf dem Sonnendeck quasi.

Das Meer und alles das, was es zu bieten hat ist mein bester Freund und Komplize. Das Meer macht alles wieder gut. Und es hat schon viele Wunder gewirkt; fuer uns.

Alle drei Kurzen springen vom Steg und aus dem Schlauchboot – z.T. ungebeten, aber mit Schwimmwesten an. Vor drei Monaten war Wasser, indem sie nicht sicher Fuss hatten, der absolute Horror und nur in Affen-Baby-Klett Position zu haendeln. Lina hat sich quasi mal kurz selber schwimmen beigebracht. Sie benutzt noch einen Schwimmring als Hilfe, aber Bein und Armbewegungen kann sie und wendet sie auch an. Die grossen Bootkids, mit denen wir uns angefreundet haben, koennen schwimmen. Da guckt sie sich mit Eifer alles ab. Die Uhr lesen kann sie auch neuerdings; ihre 10-jaehrige Freundin Jasmin hat immer eine Armbanduhr um.

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Natuerlich bestaetigt das alles meine Theorien und meinen Glauben in Kinder und ihre Genialitaet und doch muss ich gestehen, dass es mich regelmaessig sprachlos macht, wenn ich dieses Genie so unmittelbar erleben kann. Wie spielend und widerstandslos Kinder lernen, wenn wir ihnen nicht hineinpfuschen: sie lernen krabbeln, laufen, sprechen, singen, huepfen und tanzen. Ganz alleine und ohne Instruktionen. Eigentlich klar, dass schwimmen und die Uhr lesen keine Hindernisse sind.

Und noch mehr Bestes

Auch umwerfend ist, wie viel mehr Fremd-Menschenkontakt wir haben, zu unseren Nachbarn und allen, die hier eben so eintrudeln. Lina und Mona haben Lichtjahre grosse Spruenge in sozialer Entwicklung hinter sich gebracht und wetteifern nun wer wann als erstes dem Nachbarboot ‚Guten Morgen‘ wuenschen kann. Mein Verdacht: sie erleben taeglich, wie wir mit neuen, fremden Menschen umgehen und auf sie zugehen und welch freundlichen Ausgang das normalerweise hat. Da wird das doch gleich mal nachgemacht. Kian, meist Kiki genannt, steht ohnehin gern an Deck und unterhaelt Teile der Marina mit seinen freundlichen Gruessen ‚Hiiiii!‘ und ‚Byyyebyyyye!‘. Ihm sind alle lieb – solange sie keinen Bart haben. Wenn so einer aber auftaucht, kuschelt er sich an meine Beine mit den Worten: ‚Diddi Angst Mann‘.

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Hier also nur erst einmal eine Selektion von ganz schlimm bis super gut. Dazwischen gibt es auch ganz viel und in beiden Lagern auch noch viele andere Vertreter. Fazit ist aber erstmal nach zwei Monaten an Bord:

Wir lieben unsre Luna und unser Leben mit ihr!

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