Gedanken

Das Vermaechtnis des Tankstellen Pies

Und da kam dieser Herr in unsere Baeckerei. Er verlangte nach dem Chef, wurde zu Ron gebracht und fragte diesen, ob wir die Familie seien, die auf’s Boot ziehe. Nach der Bejahung dieser Frage fuhr er fort: “Und ihr habt doch Kaninchen, oder?” – “Ja, haben wir”  – “Was macht ihr mit denen dann?” – “Die essen wir auf.”

Die Haende vor dem vor Entsetzen geoffneten Mund, und mit einem Blick als sei ihm soeben ein Kannibale offenbart worden, stuerzte der gute Herr davon. Sonderbare Begegnung. Und ziemlich unhoeflich; aber dies nur nebenbei.

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Flexitarier

Ein paar Tage zuvor: Eine neue Bekannte bietet mir im Park einen Bissen von ihrem Tankstellen Pie (zu deutsch: Fleischpastete, laut Lexikon) an. Ich: ”Nee, danke. Nett, dass du’s anbietest, aber ich bin Flexitarier.” Die Fragen aufwerfende Mimik meiner Gegenueber versuche ich glatt zu buegeln indem ich erlaeutere, dass ich nur selten Fleisch esse. Und wenn ich dieses tue, dann lediglich Fleisch aus eigener Haltung. Oder Fleisch eines Tieres, das von einem mir gut bekannten Hof stammt.

“Schlachtet ihr denn auch selber? Ich koennte das nicht!!” “Ach, nein? Warum denn nicht?” wundere ich mich scheinheilig. Scheinheilig deshalb, weil ich die wenig durchdachte Antwort schon so oft gehoert habe: “Die armen Tiere!! Die wuerden mir total leid tun.”

Ah ja. Und was ist mit den Viechern, die in diesen Pie eingeflossen sind? Die haben ja sehr wahrscheinlich in feinster Massentierhaltung ihr kurzes mastreiches Leben verbracht. Die tun mir nun allerdings leid. So leid, dass ich mich weigere den vielleicht gar wohlschmeckenden Pie zu probieren. Und wenn ich genau ueber die Oekobilanz solcher Erzeugnisse nachdenke, stellt sich mir derart das Fell auf, dass ich mir sogleich ein weiteres veganes Kochbuch in der Buecherei vorbestelle.

Unverantwortliche ‚Tierliebe‘

Schlecht durchdachte Tierliebe sorgt auf unserem Planeten vorallem fuer Eines: dass mehr Menschen Tankstellen Pies, Gammelfleisch und gequaelte Seelen zu sich nehmen und weniger Menschen die Herkunft ihres Fleisches kennen, geschweige denn diese verantworten. Gleiches gilt natuerlich auch fuer Eier und Milchprodukte.

Unverantwortlich! Und das ist das freundlichste Adjektiv, das mir hierzu auf der Zunge liegt. Die Anderen moechte ich heute einfach mal weglassen…

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In einer Zeit, in der es ueblich ist, Huehner dicht an dicht und fast federlos in gepriesener Bodenhaltung vor sich hin vegetieren zu lassen, und in der Schweine meist so eingepfercht sind, dass sie sich nicht einmal umdrehen koennen, muss es doch die Pflicht der Konsumenten sein nicht einfach alle Sinne vor diesen Tatsachen zu verschliessen. Jederzeit abrufbar stehen hierzu Bilder, Dokumentationen und Interviews im Internet zu jedermans Info. Immer wieder durchlaufen Skandale die Medien.

Aber billig muss es sein

Und trotz Skandalen steht Tante Kaethe Schlange um bei Lidl ihr Fleisch zu kaufen. Und hinterher guckt sie mich angewidert an, wenn meine Tochter ihr erzaehlt, dass es heute abend bei uns Haeschen gibt. Eins von unseren. Ja, die, die wir letzte Woche noch gestreichelt und gefuettert haben. Weil man das so tut, wenn man Respekt vor Leben hat: Man kuemmert sich um diese Leben und sorgt dafuer, dass es ein lebenwertes und artgerechtes Leben ist; und man darf sich auch an und mit ihm freuen. Sogar mit ihnen kuscheln. Aber wenn der Topf ruft, dann ruft der Topf und dann endet ein gut gelebtes Leben auf respektvolle und schmerz- und stresslose Weise. Und dann wird gegessen.

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Wir sind auch Tierfreunde. Wirklich. Wir schaetzen ihre Gegenwart sehr in unserem Alltag und wir empfinden Tiere in unseren Leben als Bereicherung – nicht nur als kulinarische. Wir betreiben ziemlich grossen Aufwand um Eier und auch ab und zu Fleisch auf unserem Speiseplan zu haben. Nebenbei erleben unsere Kindern ganz natuerlich wo Essen herkommt und wie die Lebenszyklen verlaufen. Bei uns leben in wuerde- und liebevoller Haltung Huehner, Hasen und Schweine. Alle niedlich. Und lecker.

Zur See werden wir uns wohl etwas mehr auf Fische und Krustentiere spezialisieren muessen. Gluecklicherweise, und nicht unbedingt an allgemeine Kinder-Essgewohnheiten angepasst, scheint das die Kurzen nicht zu stoeren. Als gefragt, worauf sie sich freuen, wenn wir an Bord gehen gab es zwei Antworten: “Dass wir jeden Tag baden gehen (…koennten, Anm. der Redaktion)” und “Dass wir jeden Tag Fisch essen!”.

Glueck gehabt. Oder?

3 Kommentare zu „Das Vermaechtnis des Tankstellen Pies

  1. Ihr macht das genau richtig! Wenn schon Fleisch, dann bitte bewusst und mit Verantwortung fürs Ganze! Dass sich viele Menschen als ausgesprochene Tierfreunde bezeichnen und sich trotzdem ohne Probleme den Hamburger bei McDonald’s schmecken lassen können, habe ich nie verstanden.

    Herzliche Grüße und Vorfreude auf den Umstieg aufs Boot!
    Carsten

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  2. Also ich lese ja immer mal wieder deutsche Familien-Blogs, Freilerner-Blogs, (Nicht-)Erziehungs-Blogs und so weiter, aber deiner ist für mich mit Abstand der lustigste! Habe ihn eben erst entdeckt und freue mich über die ehrlichen und witzigen Artikel. Sprachlich einfach eine Perle. Mit Dank und vielen Grüßen aus den deutschen Gefilden, Stephanie.

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    1. Liebe Stephanie,
      vielen dank fuer deinen wohlgesonnenen Kommentar! Egal, was man von Lob halten mag – mir tut es ab und an einfach gut. Vorallem neben all den ‚Dummkopf‘ Beschimpfungen, die derzeit aus dem Munde von Nr.2 Kurze ueber mich ergehen lassen muss.
      Ich danke dir, gutes Timing!

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