Elternschaft

Spielen wie in Bullerbue

Gut, dass wir uns alle so einig sind, wenn es darum geht, was wir fuer unseren Nachwuchs wollen. Das Beste naemlich…

Natuerlich variieren die Meinungen ueber das, was das Beste ist immens. Und selbst in einem einzigen Haushalt – in unserem beispielshalber – koennen die Meinungen ziemlich auseinander gehen, oder sich staendig veraendern. Hue und Hott, so sind auch wir. Vielleicht koennen wir uns aber einigen, dass das Beste fuer uns Folgendes ist: ein lebendiger Wunschtraum.

Lebendig im Sinne von dynamisch, sich staendig aendernd und immer wieder hinterfragbar. Wunschtraum deshalb, weil wir uns von Herzen wuenschen, dass wir es schaffen richtig zu raten. Was ist fuer welche Persoenlichkeit am Besten, und wann? Das ewige Ratespiel der Eltern. Wir alle traeumen vom Einheitsrezept – aber vergebens.

Paradies fuer Kinder

Alle drei Kurzen sind ziemliche Leseratten, und da sie noch nicht selber lesen koennen ist das einer meiner taeglichen Jobs: Lesen. Ganz viel. Mit und für die drei Luetts. Linas absoluter Spitzenreiter ist derzeit der ‚Bullerbue Sammelband‘ von Astrid Lindgren. Verdenken kann man’s ihr nicht: Lisa, Lasse, Bosse und Konsorten leben naemlich im Kinderparadies. So wenigstens sieht Lina das. Aber ich eigentlich auch.

Sogar Heringssalat

Ganz simpel. Das Leben in Bullerbue hoert sich nicht teuer oder besonders extravagant an. Keine funkelnden Schloesser, tolle Pferdekutschen oder Suessigkeiten satt. Im Gegenteil: eher schlicht und einfach. (Manchmal muessen die Kinder sogar Heringssalat essen, pfui Deibel!!!) Leben auf dem Land, auf Bauernhöfen; umgeben von Familie und Freunden, die alle das Gleiche tun. NaemIich ihre Kinder in Ruhe lassen!

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Freies Spiel

Hier wird nicht fruehgefoerdert oder ueberbehuetet, hier duesen keine gehetzten Muetter mit ihrem Nachwuchs in die Tanzstunde, in den Fussballverein oder zur Matheolympiade. Die Kinder tun das, was Kinder immer schon taten und was sie am besten tun: Sie spielen. Miteinander und in Gruppen. Selbstbestimmt und ohne Bewertung (weil kein Erwachsener da ist um zu loben oder zu tadeln). Das Spiel ist massgeschneidert auf die Beduerfnisse der Kinder (weil sie es selbst erfinden). Ihr Spiel ist genau das, was sie brauchen um ihr groesstes Potential zu entfalten, ihre Wunden zu heilen und sich in der ihrigen Welt zurecht zu finden.

All dies kann aber nur geschehen, wenn sie spielen wie in Bullerbue – OHNE die Anwesenheit von Erwachsenen.

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Vom Freigeist zum Gemobbten

Sobald Erwachsene auf der Bildflaeche auftauchen ist das Spiel nicht mehr frei. Selbst wenn nicht gelobt, getadelt oder anderweitig bewertet wird, so reicht die pure Praesenz schon aus um viele Kinder von dem, fuer sie so wichtigen, Weg abzubringen. Sie wollen gefallen, oder wenigstens Aufmerksamkeit bekommen. Mancher um jeden Preis.

Oft entsteht an dieser Stelle Streit oder Mobbing. Mischt sich dann ein Erwachsener ein um zu schlichten, schliesst sich der Kreis und die Kinder bekommen Lob und Tadel, werden zu Opfern und Taetern. Das Spiel um des Spiels Willen ist vorbei.

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Zauberwort: Vertrauen

Im Spiel allein gelassene Kinder (vorausgesetzt sie haben eine gute Grundausstattung an menschlichen Werten), organisieren sich erstaunlich gut selbst und sind fair und mitfuehlend miteinander. Sie lernen miteinander zu verhandeln und stellen Regeln nach demokratischem Prinzip auf – wenn ihnen das zu Hause so vorgelebt wird – , Mut und Angst werden erprobt und verarbeitet, die Phantasie bekommt Fluegel. Das Spiel wird zum Motor gesunder Entwicklung. Wir Langen muessen nur eines tun: sie sein lassen; was sie sind und wie sie sind. Vertrauen in ungeahnte Kompetenz.

Ich sehe diese. Jeden Tag aufs Neue. Ehrlich.

Im Moment glaube ich, dass das Beste, was Kindern passieren kann, Eltern sind, die genug Gelassenheit mitbringen ihren Kindern und deren positiver Entwicklung zu vertrauen. Sie wird stattfinden, wenn wir ihr genug Raum geben.


 Buchempfehlungen

die mir Inspiration und wissenschaftlichen Rueckhalt fuer diesen Artikel gegeben haben: 

  • ‘Reclaiming Childhood’ by Helene Guldberg
  • ‘Under pressure’ by Carl Honoré

4 Kommentare zu „Spielen wie in Bullerbue

  1. Sehr schöner Artikel, wie ich finde. Er wird sicherlich einige Leute inspirieren in DE, wenn sie ihn lesen würden. 😉
    Ich möchte einen Aspekt aufgreifen und konstruktiv kritisieren:
    „Sie lernen miteinander zu verhandeln und stellen Regeln nach demokratischem Prinzip auf […].“
    Ich weiß nicht, warum heutzutage Demokratie für Freiheit und Selbstbestimmung steht. Reine Demokratie ist genauso Unterdrückung wie Diktatur oder Oligarchie: Die Masse beherrscht alle, insbesondere die Minderheiten.
    Freiheit und Selbstbestimmung, damit Rücksicht auf andere, kann ausschließlich innerhalb des Libertarismus (auch Anarchie genannt) stattfinden. Denn dem liegt als einziges Gesellschafts- oder Gemeinschaftsmodell keine Gewaltherrschaft zugrunde.
    Ich möchte den Unterschied zwischen Demokratie und Libertarismus an einem Beispiel erläutern:
    Ein Gruppe Kinder spielt, eines sitzt im Rollstuhl. Ein anderes fragt in die Runde, ob sie Fußball spielen wollen. Alle stimmen mit ja ab, außer dasjenige, das im Rollstuhl sitzt. Es würde lieber etwas spielen, wo es aktiv mitmachen kann. Aber seine Stimme hat keine Geltung, da die Mehrheit alle beherrscht.
    Im Libertarismus würde es eine ausführliche Diskussion geben. Man würde sich absprechen und versuchen einen Kompromiss zu finden. Bspw. eine Zeit lang den Ball hin- und herwerfen, wo das Kind im Rollstuhl mitmachen kann. Die andere Zeit würden die anderen dann Fußball spielen und womöglich das Kind im Rollstuhl als Schiedsrichter einstellen.
    In einer Demokratie herrscht also die Mehrheit über alle ohne Rücksicht auf die Minderheiten jeweiliger Wahlthemen.
    Im Libertarismus wird versucht niemandem (psychische als auch körperliche) Gewalt anzutun, – die einzige friedvolle Gemeinschafts- und Gesellschaftsform, da keine Herrschaft vorliegt – dazu gehört die Freiheit jedes einzelnen, aber auch Rücksicht auf Minderheiten und „Schwächere“, um psychische Gewalt zu vermeiden.
    LG

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    1. Lieber Aaron, vielen Dank fuer Deinen Hinweis. Du hast vollkommen Recht: Demokratie ist nicht das Gelbste vom Ei. Im Vergleich zu dem in den meisten Familien vorherrschenden diktatorischen System ist sie aber eine gute Alternative, finde ich. Wir persoenlich versuchen Loesungen im Konsens mit unseren Kindern zu finden; manchmal ist aber ein demokratischer Entschluss notwendig, wenn beispielsweise auf die Schnelle nicht genuegend Optionen parat zu stehen scheinen und Zeitmangel ein Faktor ist. Solange der Unmut des/der Ueberstimmten anerkannt und fuer gueltig erklaert wird ist dies meiner Meinung nach ein legitimer Loesungsansatz. Dass dieser Planet zu Lebzeiten unserer Kinder eine positiv ausgerichtete und konstruktive Anarchie erleben wird, scheint mir unrealistisch.Leider.

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